Lisa Soltau und Markus Schäfer auf ihrem Versuchsfeld. Seit drei Jahren testen sie hier, welche Reben auf dem mineralstoffreichen Boden gedeihen. Fotos und Text: Ulrike Schwieren-Höger

Markus Schäfer und Lisa Soltau beackern als Vollerwerbswinzer einen Südhang bei Berg

Wer durchs weite Hügelland am Nordrand der Eifel streift, hat gute Aussichten: Im Frühling grüßt leuchtend gelb der Raps, der Weizen wiegt sich im ruppigen Wind und Obstwiesen setzen blühende Tupfer. Auf einer Anhöhe nahe Berg kann der Wanderer sogar das Staunen lernen: Hier stehen Weinreben in Reih und Glied, und dazu gibt es noch gratis einen Weitblick auf das malerisch gelegene Berg bei Nideggen.

„Dieses Rebenfeld ist unser Versuchsanbau“, sagt Markus Schäfer (28). „Seit drei Jahren erproben wir hier die Möglichkeit, Wein anzubauen. Vor allem die pilzresistente Traube Solaris gedeiht in dieser Region. Aber auch mit dem Sauvignac haben wir gute Erfahrung gemacht. Wir wollen mit den gehaltvollen Trauben einen guten trockenen Weißwein keltern. Auch mit Rotweinen experimentieren wir und haben versuchsweise eine Reihe Pinotin und Cabertin gesetzt.“

Das beweist: Agrar-Ingenieur Markus Schäfer meint es ernst. Gemeinsam mit seiner Verlobten, der Ökotrophologin Lisa Soltau (29), will er als erster Landwirt in der Region im Vollerwerb einen 3,8 Hektar großen Südhang mit 30 Prozent Neigung in biologischem Anbau beackern. 4500 Reben sind bereits in der Erde und zeigen erste Triebe.

Obwohl die Idee ungewöhnlich erscheint, ist sie nicht neu: Schon die Römer haben in dieser Region Wein angebaut, und auf Schäfers Flurstück „Wingersberg“ sind bis 1910 Trauben angebaut worden. „Wein ist ein biblisches Getränk. Es hat mich schon immer begeistert. Und dann hat mich unser Freund, Heinz Berchold, in unserem Vorhaben bestärkt. Er hat 20 Jahre lang in Portugal Wein angebaut und ist Experte auf diesem Gebiet. Was ich darüber hinaus noch brauche, lerne ich bei meiner derzeitigen Ausbildung zum Winzer“, sagt Markus Schäfer.

In die Wiege gelegt wurde ihm diese Begeisterung nicht, denn er hat im Rittergut Vlatten zwar viel Erfahrung mit der Landwirtschaft gemacht, aber hier bestimmt die Braugerste den Tagesablauf. Und die sorgt bekanntlich dafür, dass die umliegenden Brauereien ihr gutes Bier brauen können. „Meine Familie steht hinter uns“, sagt Schäfer. „Sie unterstützt unsere Idee und unsere Innovation.“

Dass überhaupt mit der Arbeit begonnen werden konnte, ist einer Änderung des Deutschen Weingesetzes zu verdanken, die 2017 in Kraft trat. Seitdem ist der Weinanbau nicht mehr auf die bisherigen Flächen beschränkt. Jedem Flächenland stehen nun jährlich 5 Hektar Fläche zu. Voraussetzung ist ein Antrag, besser gesagt eine Bewerbung zum Anbau. Und die war von Erfolg gekrönt: 75 Prozent der Fläche für NRW wurden Schäfer und Soltau zugesprochen. „Vielleicht konnten wir damit punkten, dass der Hang mit seinem eiszeitlichen Boden aus Muschelkalk und seinem hohen Mineralstoffanteil wirklich ideal ist und auch schon zu Römerzeiten als Weingebiet bekannt war“, lächelt Lisa Soltau. „Im Übrigen ist die Landschaft hier wunderbar. Wir erleben schöne Momente bei der Arbeit.“

Obwohl das Land Familieneigentum ist, birgt das Unternehmen Risiken. Markus Schäfer und Lisa Soltau müssen nicht nur einen Landwirtschaftszweig völlig neu aufbauen, der mit hohen Vorkosten verbunden ist, und erst in drei Jahren erste Erträge bringt. Sie werden auch vom Deutschen Weingesetz benachteiligt, denn sie können ihr Produkt nur als „Wein ohne Herkunftsbezeichnung“ vermarkten. Die nach der Region benannte Bezeichnung „Landwein“ bleibt ihnen ebenso verwehrt wie die Gütesiegel  „Qualitätswein“ oder „Prädikatswein“.

„Deshalb wollen wir unseren Wein überwiegend regional vermarkten“, sagt Schäfer. „Wir werden ihn in Vlatten keltern, und das wird als Abfüllort auf dem Etikett zu sehen sein. Unser Wein soll ein gutes Eifeler Produkt werden, das neugierig macht, und beweist, dass es auch in unserer Region köstlichen Wein gibt. Gelagert werden die Fässer in einem 500 Jahre alten Gewölbeanbau auf dem Rittergut unter idealen Bedingungen. In einigen Jahren wollen wir bis zu 20.000 Flaschen Wein vermarkten.“

Auch ein Name für das neue Produkt ist schon gefunden: „Grüne Neune“. Und das Beste: Wer will, kann dem Winzerpaar über die Schulter schauen oder mitarbeiten und sogar eine Rebpatenschaft übernehmen: „Als Gegenleistung bekommen die Rebpaten dann ein Namensschild an „ihren“ Weinstock“, sagt Markus Schäfer. „Geplant sich auch Weinbergführungen und Verköstigungen, wenn die ersten Flaschen abgefüllt sind. Wir möchten ein Projekt für und mit den Menschen in der Region schaffen. Ich finde es schade, dass wir alle im ländlichen Raum leben, aber die Landwirte oft im Verborgenen arbeiten.“

Informationen zum Projekt: Rittergut Vlatten, Merodestraße 25, 52396 Heimbach, info@grüneneune.de
Internet: www.grüneneune.de oder auf Facebook und Instagram unter “Grüne Neune”.

Lisa Soltau und Markus Schäfer auf ihrem Weinhang bei Berg. 4500 Reben sind schon gesetzt.

Die kleinen Rebstöcke zeigen erste Triebe.