Die Sitzungen kosten so viel wie ein Kleinwagen

Die "Mittlere Garde" gab schon bei der Generalprobe ihr Bestes.

 87 Aktive, sieben Tanzgruppen, vier Sitzungen, ein Karnevalszug: Der „Vlattener Jonge 1962 e.V.“ startet in die aufregendsten Wochen des Jahres. Wie schafft der Verein es, diesen Kraftakt zu bewältigen? Wir haben den Präsidenten Achim Bertram gefragt:     

Türenschlagen, Rufe, Musik. Schon von weitem ist es unüberhörbar: In der Jugendhalle herrscht Proben-Alarm. Kurz vor Beginn der Prunksitzung am Samstagabend liegen bei einigen Vorstandsmitgliedern des KV Vlattener Jonge die Nerven blank. Sie sehen nur noch das, was nicht klappt, denn die Zeit verrinnt. In wenigen Stunden muss alles zusammenpassen: Akteure, Bühne, Saal, Technik, Theke und gute Laune.

Die “Mittlere Garde” erhielt viel Beifall von Trainerin und Eltern.

Immerhin tanzt sich die „Mittlere Garde“ gerade ins Herz der Trainerin. Ilona Volbert-Reuter hat Tränen in den Augen: „Wenn die am Samstag so tanzen wie jetzt bei der Generalprobe, dann knie ich nieder.“ Wie alle Trainerinnen weiß sie, wovon sie spricht. Der Karnevalstanz ist eine Mischung aus Rhythmus, Körpergefühl, Geschwindigkeit und Akrobatik. Schweißtreibend und fordernd. Das ganze Jahr über. Wenn kleine Kinder und Jugendliche so etwas mitmachen, müssen sie begeistert werden. Und das schaffen die Trainerinnen Ilona Volbert-Reuter, Vivien & Maja Reuter, Ingrid Müller, Monika Golbach und Sonja Müller offenbar mit Bravour.
„Wir leben für unsere Kinder“, sagt Präsident Achim Bertram. „Darauf sind wir stolz. Wo wir können, werden sie gefördert. Sogar die Kosten für die Kostüme übernimmt weitestgehend der Verein.“
Der Erfolg gibt ihm recht: Sieben Tanzgruppen zählt der Verein mit insgesamt 87 Aktiven. Einige Gruppen sind so voll, dass keine neuen Tänzer/innen aufgenommen werden. Das muss den Vlattener Jonge erst mal einer nachmachen. Von den etwa 3-jährigen „Bambinis“ angefangen, über die „Kleine Garde“, die „Mittlere Garde“, die „Große Garde“ bis zu den Showtanzgruppen „La Danza“, „Full House“ und „Firewalker“ reicht die Palette.

Bei der Generalprobe verfolgen Eltern und Besucher gespannt den Auftritt der Kinder.

„Bei uns dürfen auch die Kinder am Samstagabend auftreten. So etwas ist selten“, sagt Achim Bertram. „Woanders zeigen sie sich nur bei  Kindersitzungen. Aber es ist das Größte für die Kleinen, bei der Prunksitzung auftreten zu dürfen. Das wollen wir ihnen nicht nehmen.“
Seit rund 30 Jahren ist der Vlattener Jong Achim Bertram im Vorstand des Vereins, zuerst als Vorsitzender und jetzt als Präsident. Und nichts hat er von seinem Elan verloren. Temperamentvoll und unermüdlich erzählt er über den Verein und die Arbeit hinter den Kulissen. Die ist kostenträchtig und erfordert eine Menge Planung. Wenn andere Vereine gerade mal eine Sitzung organisieren, zeigt sich der Vlattener Jonge für vier Sitzungen verantwortlich – und ist Organisator des Karnevalszugs des Vereins Jugendwohl. „Alle Sitzungen zusammen kosten so viel wie ein Kleinwagen“, sagt Bertram.
Das bringt Probleme mit sich. Vor allem für die Prunksitzung am Samstagabend wird es immer schwieriger, bezahlbare Künstler zu finden. „Leider gibt es niemanden mehr im Dorf, der selbst eine Büttenrede schreibt“, sagt Bertram. „Und schlechte Redner können wir uns nicht leisten, weil dann niemand mehr zuhört. Im Übrigen ist es Tradition, dass bei der Prunksitzung alle 45 Aktiven in Blau-Weiß auf der Bühne erscheinen und anschließend auch tanzen. Das sind tolle Bilder.“

Während die Kinder auf der Bühne proben, wird im Saal die Dekoration angebracht.

Drumherum wird ein Programm konzipiert, das sowohl Büttenredner Kurt Kokus aus Köln Raum gibt, als auch dem Musikverein genügend Zeit lässt: „Dass beim Lied „Heidi“ der Saal Kopf steht, kann außerhalb des Dorfs niemand verstehen“, sagt Bertram. „Vlatten hat ein sehr eigenwilliges Publikum. Eine Rede, die anderswo begeistert aufgenommen wird, findet hier manchmal wenig Anklang. Umgekehrt kann es genauso sein.“
Und so wird jetzt schon am Programm für 2021 gebastelt, denn ohne solche Vorarbeiten wäre es überhaupt nicht möglich, attraktive Künstler zu engagieren. „Wir gehen auf Vorstellabende, die von Agenturen oder vom Club Kölner Karnevalisten veranstaltet werden, hören uns die Vorträge an und entscheiden, was in Vlatten ankommen könnte“, sagt Bertram. „Am liebsten engagieren wir Künstler, von denen wir glauben, dass sie sich in der Zukunft einen Namen machen werden. Ein paar Mal ist das schon gelungen.“
Für einige Sitzungen scheinen die Vlattener Jonge tatsächlich genau die richtige Auswahl zu treffen. Die Karten für die Vlattener Damensitzung am 31. Januar waren beim Vorverkauf im Oktober innerhalb einer Viertelstunde vergriffen. Die Mädels haben in Vlatten Spaß: Das hat sich herumgesprochen. Auch die Herrensitzung ist gefragt. Jeweils rund 300 Besucher werden gezählt.

Die Jugendhalle ist geschmückt. Die Besucher können kommen.

„So viel Zuspruch brauchen wir“, sagt Bertram. Schließlich ist alles sehr teuer: Die Gagen, die Saalbeschallung, die Trainingsstunden, die wir ja als Miete für die Jugendhalle zahlen müssen, die Kostüme. Allein die GEMA kostet 1000 Euro im Jahr. Und auch die Security-Leute müssen wir bezahlen. All diese Kosten decken wir über die Eintrittsgelder und über den Ausschank, den wir selbst übernehmen, mit Hilfe der aktiven Vereinsmitglieder.“
Ein lauter Schrei unterbricht seine Rede. Ist bei den Aufbauarbeiten jemand von der Leiter gefallen? Achim Bertram bleibt ruhig. Er lacht sogar. „Gerade ist ein Kranz vom Dachboden heruntergelassen worden. Das geht nur, wenn oben jemand über der Decke im Hohlraum steht. Er kann sich am besten über Rufe mit den Kollegen im Saal verständigen. Dann wird es eben laut.“
Wieder ist ein Punkt erledigt bei den Vorbereitungen für die große Prunksitzung am Samstagabend, die gegen Ende mit einem Schmankerl aufwartet, wie Bertram verspricht: „Das Heddemer Dreigestirn war bei der Damensitzung im vergangenen Jahr umjubelt. Das wird den Besuchern der Prunksitzung auch gefallen.“ Da ist der Präsident ganz sicher.                                                                               ush

Die “Mittlere Garde”, ganz synchron.                                              Fotos und Text: ush

 

Programmfolge der Prunksitzung am 11. Januar

19.30 Uhr:          Einmarsch und Tanz „Bambinis“ und „Kleine Garde“
19.55 Uhr:          Büttenrede Kurt Krokus aus Köln
20.15 Uhr:          Tanz „Mittlere Garde“
20.30 Uhr:          Auftritt „Musikverein“
21.00 Uhr:          Tanz „Große Garde“
21.20 Uhr:          Aufmarsch aller Prinzenpaare, Dreigestirne, Ehrengäste
22.10 Uhr:          Tanz „Firewalker“
22.25 Uhr:          Gesang Holger Quast „Ne joode Jong“
23.00 Uhr:          Tanz „Full House“
23.20 Uhr:          Gesang “Et Heddemer Dreigestirn”
23.45 Uhr:          Tanz „La Danza“
00.05 Uhr:          Gesang „Die Kaafsäck“

Die nächsten Sitzungen der Vlattener Jonge

Samstag, 11. Januar, 19.30 Uhr: Prunksitzung
Sonntag, 19. Januar, 11 Uhr: Frühschoppen mit anschließender Kindersitzung
Freitag, 24. Januar, 18.30 Uhr:  Herrensitzung
Freitag, 31. Januar, 18.30 Uhr:          Damensitzung

Dienstag, 25. Februar:         Karnevalszug in Vlatten
Organisation: Vlattener Jonge